Stellungnahme zu angedachten Kürzungen im Bereich der Kindertagesbetreuung für die Sitzung des Jugendhilfeausschußes am 11.3.2026

Die Hinweise verdichten sich, dass sowohl die Ausbildungsoffensive als auch der Neuer Marburger Standard (NeMaSt) als Maßnahmen der Haushaltskonsolidierung gestrichen werden sollen. Dazu nehmen wir wie folgt Stellung:

Ausbildungsoffensive

Die Ausbildungsoffensive wurde erst vor wenigen Jahren beschlossen und umgesetzt. Die damaligen Gründe sind nach wie vor aktuell. Zwar verzeichnen wir derzeit einen Geburtenrückgang, gleichzeitig ist das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Berufsleben noch nicht abgeschlossen. Hinzu kommt der wachsende Bedarf an Fachkräften aufgrund des Rechtsanspruchs in den Grundschulen.


Die Ausbildungsoffensive hat maßgeblich dazu beigetragen, Personalengpässe abzufedern und qualifizierte Absolventinnen zu übernehmen. Wichtig ist zudem: Nicht alle durch die Offensive möglichen Ausbildungsplätze konnten besetzt werden, und die Landesförderung hat einen großen Teil der Kosten abgefangen. Die Ausbildungsoffensive belastet den Marburger Haushalt also nicht in dem Maße, wie vor einigen Jahren angedacht.


Hohe Ausbildungskapazitäten gelten nach wie vor als eine der wirksamsten Strategien zur Bekämpfung des Fachkräftemangels.

Der neue Marburger Standard

Die Stadt Marburg hat sich seit jeher für eine personelle Ausstattung der Kindertagesbetreuung eingesetzt, die deutlich über den gesetzlichen Mindeststandards des HKJG liegt – etwa bei Gruppengrößen, Fachkraft-Kind-Relationen oder dem Umfang der Leitungsfreistellungen (Ü3).


Die Krankentage pädagogischer Fachkräfte liegen weiterhin auf einem hohen Niveau. Laut Krankenkassen betrug die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit im Bereich der Kindertagesbetreuung im Jahr 2023 rund 30 Tage. Zusätzlich müssen die per Tarif eingeführten Entlastungstage umgesetzt werden, für die es keinerlei Kompensation gibt.


Zu wenig Personal bedeutet eingeschränkte Öffnungszeiten, geschlossene Gruppen und damit fehlende Verlässlichkeit für Familien. Wer keine verlässliche Kinderbetreuung hat, kann selbst keine verlässlichen Zusagen gegenüber Arbeitgebenden machen – ein klarer Verlust an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.


Einen Rückgang auf den gesetzlichen Mindeststandard würde eine Reduktion der dringend benötigten Fachkraftstunden bedeuten. Marburg hat schon immer verstanden, dass eine gute Ausstattung der Kindertagesbetreuung auch ein Standortfaktor ist. Diese Haltung sollte weiterhin Bestand haben.

Kindertagespflege

Die Situation in der Kindertagespflege ist derzeit stark angespannt. Rückläufige Nachfrage und geringere Betreuungsstunden führen zu spürbaren Einkommensverlusten. Gleichzeitig steigen Anforderungen und bürokratische Auflagen. Für selbstständige Tagespflegepersonen bedeutet jeder unbesetzte Platz einen gravierenden finanziellen Einschnitt. Ohne zeitnahe Entlastung droht der Verlust dieses wertvollen Betreuungsangebots.

Und nicht zuletzt: Die Kündigung der Betriebsverträge

Die kurzfristige Kündigung der Betriebsverträge ohne vorherige Gespräche war unangemessen und hat in der Landschaft für große Unruhe und Verunsicherung gesorgt. Personal- und Betreuungsverträge hätten innerhalb von wenigen Monaten gekündigt werden müssen. Die freien Träger in der Stadt Marburg sind häufig langjährige und verlässliche Partner und unterstützen die Stadt dabei, ihren Rechtsanspruch zu erfüllen. Wir wünschen uns zukünftig wieder einen anderen Umgang. Nach Wochen der Verunsicherung sind wir deshalb sehr erleichtert über die erfolgte Vereinbarung, dass die Altverträge bis zum Neuabschluss fortgeführt werden.

Fazit

Maßnahmen, die die Handlungsfähigkeit von Kindertageseinrichtungen einschränken, stehen im Widerspruch zu den völker- und bundesrechtlichen Verpflichtungen, Kinderrechte in frühpädagogischen Bildungsinstitutionen zu verwirklichen.


Die Umsetzung von Kinderrechten erfordert verlässliche strukturelle, personelle und materielle Rahmenbedingungen. Werden Ressourcen begrenzt, können zentrale kinderrechtliche Prinzipien – wie der gleichberechtigte Zugang zu Bildung, Schutz vor Diskriminierung und das Recht auf bestmögliche Förderung – nur eingeschränkt realisiert werden.


Angesichts eines zunehmenden gesellschaftlichen Rechtsrucks tragen frühpädagogische
Einrichtungen zudem eine wachsende Verantwortung, präventiv im Bereich Demokratiebildung zu wirken.


Die Stadt Marburg hat sich in den vergangenen Jahren klar gegen Diskriminierung positioniert und sich zu Vielfalt, Inklusion und demokratischen Werten bekannt. Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, dass sich diese Haltung auch in zukünftigen Entscheidungen zur Ausgestaltung der Rahmenbedingungen von Kindertageseinrichtungen konkret und sichtbar widerspiegelt.

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